Archiv für die Kategorie „Sterbebegleitung“

Es war ihr Traum

Dienstag, 6. Juli 2010

“Samstag, den 1. März 2008.”

Aufwachend um 6.40 Uhr. Gleich möchte ich mir die Sendung “Sterbehilfe” im TV anschauen. So ganz unberührt lässt mich das Thema nun doch nicht. Wo ich doch wieder die starken Oberbauchbeschwerden habe, hoffend, dass sie durch das Trinken von Kaffee wieder verschwinden mögen. Neue Erkenntnisse bringt der Film mir nicht. Er macht mir unmißverständlich klar, dass es viele Meinungen dazu gibt, z.B. wo die Risiken von der Sterbehilfe und ihre Chancen zu finden sind. Außerdem macht er mich wiederum auf die verschiedenen Phasen des Sterbeprozesses aufmerksam, z.B. dass das Befinden eines Jeden, heute so und morgen ganz anders sein kann. Flexibilität und Einfühlungsvermögen sind gefragt. Das lehrt mich jetzt wieder meine Mutter. Sie zieht ihre Stirn kraus, während ich sie umbette und ihr etwas zu trinken gebe. Das Wasser schmeckt ihr auch nicht mehr, es ist ihrer Meinung nach nicht mehr so rein, aber sie trinkt trotzdem ein paar Schlückchen. Unzufrieden mit sich selbst, weil sie glaubt, mich zu sehr zu belasten, ist es doch eigentlich nur ihr stinkender Mundgeruch, der mich ein bischen davon abhält, ihr ganz nahe zu kommen. Aber wie immer akzeptiere oder verdränge ich den Todesgeruch, den Geruch von zerfallendem Gewebe, den ich bei so vielen Krebspatienten in der Schlussphase gerochen und so stark empfunden habe. Also nehme ich das, was indem, inzwischen zu großen Nachthemd da liegt, in den Arm, schließlich nimmt sie mich noch voll und ganz wahr. Habe ich doch während der Arbeit mit alten, kranken Leuten so oft erlebt, wie glücklich sie noch werden konnten, wenn sie von verständnisvollen Menschen unterstützt und nicht alleine gelassen wurden. Meine Frage nach evtl. Schmerzen verneint sie. Das heftige Gewitter heute Nacht,  habe sie aber mitbekommen. Dies als Einleitung für ein Gespräch nutzen wollend, merke ich sehr bald, dass sie zu müde ist, um nachzudenken und zu antworten. Also lasse ich es dabei und hoffe, dass sie wieder so schöne Träume hat, nach denen sie sich so sehr sehnt. So wie ich vermute, sicherlich eine Folge des Morphiumpflasters, das sie auf ihrer Haut trägt!

ohne Bilder beten

Mittwoch, 30. Juni 2010

manchmal komm ich auf Umwegen dahin

wo man mir etwas sagen will

zu Tränen gerührt

hab ich es gespürt

was ein Mensch sich vielleicht wünscht

wenn er scheidet so dahin

es klingt so tröstlich

ach wie köstlich

doch dann sind sie wieder da

die Dogmas

wo sich so mancher darin versenkt

und die Botschaft der Liebe verkennt

in meinem Herzen spür ich, dass man mir verzeiht

wenn ich nicht bei der Rechthaberei verbleib

doch will ich es nicht dabei belassen

und mich weiter mit dem Thema befassen

“Die Anneliese ist verrückt”

Samstag, 19. Juni 2010

Ach wie die Geschichten sich gleichen

wird meine Arbeit dazu reichen

“aufzuklären”

dass es “diese Form” des Bösen gar nicht gibt

“außer wenn man es liebt”

früher schon eimal von dem Fall gehört

ich ihn jetzt wieder herauf beschwör

hätte sie nicht so geschrien in der Nacht bevor sie starb

wär alles sonnenklar

so aber kommt der Fall noch einmal in’s Rollen

als hätte sie noch etwas zeigen sollen

war es das Sühneopfer für ein uneheliches Kind

erfahren wird man es nicht so geschwind

dabei hab ich nur gedacht

dass ihr so etwas nicht mit mir macht

so reih ich ein Puzzle nach dem anderen ein

bis dass Problem für mich nur noch ganz klein

auch möcht ich sagen

dass je nachdem, wie man ein Tonband abspielt

es diese grausamen Töne gibt

dass ein gegeißelter Mensch in einem Anfall schreit

so dass es geht durch Mark und Bein

kann man dann verstehen

wenn einmal nur die Wade tut so weh

wie muss es dann erst sein

wenn der ganze Körper streikt

wieder einmal ist es die Sicht der Dinge

die ein Wandlung kann vollbringen

weg von den Feindesbildern

die alles so grausam schildern

irgendwann

Mittwoch, 9. Juni 2010

der Tod wird ausgelagert

weil man ihn nicht will ertragen

doch was macht das für einen Sinn

kommen wir doch alle dahin

irgendwann wird es geschehen

dass wir lassen das Leben

es ist die Angst davor

zu stehen vor dem Tor

doch leichter wird es den Schritt zu wagen

werden wir auf liebevollen Händen getragen

der Mensch dabei nicht verzagt

sondern die Liebe wagt

weil die Natur es so will

hält er den Sterbenden ganz still

damit der sich zurück ziehen kann in der Not

bis dann kommt der Tod

Kannst Du das verstehen?

Samstag, 5. Juni 2010

Dienstag, den 26.02.2008

“Noch trunken vom Schlaf, sitze ich seit 4:00 Uhr am Bett meiner Mutter. Es ist ihre Unruhe von der ich aufgewacht bin und die mich nicht wieder einschlafen lässt. Sie sagt: ” Ach M. könnte ich doch sterben, kannst Du das verstehen”? Ich bestätige, dass es mir bestimmt auch schwer fallen würde, wenn ich in einem solchen Zustand ausharren müsste. Daraufhin macht sie die Augen zu und schweigt. —————————————————————————————————

Nach einer kurzen Zeit, zeigt sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht. Sie sucht nach der Blase, von der ich ihr erzählt habe ( Tonbandaufnahme). Dann kommt der Wunsch, nach einem Bach/Brunnen über ihre Lippen, ohne dass sie nach einem Schluck Wasser verlangt.

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Ich sitze weiter an ihrem Bett, obwohl ich sehr müde bin und am liebsten wieder zu Bett ginge. Aber irgendetwas hält mich zurück. Schließlich mache ich mir einen Kaffee, der mich und den

( … ) wachhalten soll.  Der ( … ) schläft aber tief und fest, so dass ich ihn gar nicht aufwecken mag. Dennoch glaube ich, dass heute ein entscheidender Tag sein könnte. Ich schlürfe den Kaffee, sie trinkt genüßlich Schlückchen für Schlückchen ihr Wasser und schläft wieder ein.

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Wieder wach fragt sie mich:  “Kann es sein, dass der hl. Benedikt bei uns ist”?

Überrascht ob der Frage, antworte ich ihr:  “Im Geiste ganz sicherlich”!

daraufhin macht sie die Augen wieder zu.

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Währendessen überlege ich mir, was ich tun muss. Als nächstes frage ich sie, ob ich etwas vom “Hl. Benedikt” vorlesen soll und sie nickt freudig. Also bete ich für sie und sie hört mir aufmerksam zu. Warscheinlich kennt sie sowieso, diese von meinen Lippen vorgelesenen Worte auswendig. Jetzt völlig entspannt, manchmal die Augen offen, dann wieder geschlossen, liegt sie nun da und hält ihre “geweihte Medaille” in der Hand. Still ist es im Zimmer, während ich ihr entspanntes Gesicht betrachte, das Krumpeln in ihrem Bauch höre und den Beutel mit der dunkelgrauen Flüssigkeit aus der Ablaufsonde nicht akzeptieren will.

Mein Blick fällt auf die zwei kleinen Broschen, mit den Foto’s ihrer Eltern ( meiner Großeltern ), die ich auf ihrem Kissen neben ihrem Kopf plaziert habe. Ich erinnere mich, dass sie die Idee gut fand, ihre Eltern so nah bei sich zu haben. Unaufhörlich laufen jetzt Tränen über meine Wangen und ich bete leise, Gottgöttin und alle meine Geisteswesen, du Opa und Oma auch, macht es ihr bitte leicht, das Hinübergehen, nehmt sie in Empfang, wenn ich loslassen muss, und sie nicht mehr halten kann, und schenkt bitte ihr und mir Euer höchstes Wohlwollen, ich danke auch dafür”! ——————————————————————————————–

Ganz langsam lösen sich ihre Lippen voneinander und an dem Auf und Ab ihrer Brustbewegungen, kann ich erkennen, dass sie mir entflieht. Es ist jetzt 7:30 Uhr”!

Abschied

Montag, 10. Mai 2010

Freitag, den 16.11.2007.

Totenmesse in der R.-Kirche für den (… )!

Der ( … ) und ich warten vor der Kirche auf unsere Tochter ( … ), die noch nachkommen wollte. Da sie sich aber verspätet, geht der ( … ) und ich schon einmal den großen Mittelgang voraus, und suchen schon einmal einen freien Platz für uns.

Wie, wenn sie schon auf uns gewartet hätte, tritt eine Franziskaner- Nonne aus der zweiten Bankreihe heraus und läd uns ein, doch bei ihr und einer zweiten Nonne Platz zu nehmen. Von da bemächtigt sich mir wieder einmal das Gefühl, dass das nicht mehr rein zufällig geschieht, kann es aber nicht ergründen. Völlig unbeabsichtigt und nicht von meinem Willen steuerbar, kullern unentwegt heisse Tränen über meine Wangen.

( Ich erwähne dies, weil mir das häufiger geschieht, und mir jemand gesagt hat, dass ich für andere die Tränen weine. )

Während ich denen nun Einhalt zu gebieten versuche, höre ich auf die Stimmen der Franziskanerinnen und dem Lied das sie singen:  “Herr erbarme Dich”, was alles noch viel schlimmer macht.

Und nun folgt eine Rückbesinnung des Pastors, auf die Person , die wir gleich zu Grabe tragen wollen. Vom Leben des Großvaters ( … ) und seinen Kindern und seinen Enkelkindern. Von seinem Kampf und seinem Humor, in den letzten Stunden vor seinem Tod im Krankenhaus. Ich höre nicht , dass der Pastor, auch nur mit einem Wort ( … ) die Frau und Gattin erwähnt. Dennoch fühle ich mich in dem Moment, den Franziskanerinnen sehr verbunden, deren Wunsch es einmal war, dass ich in ihr Kloster eintreten solle. Vom Schlusslied höre ich dann nur noch:  “Von wunderbaren Mächten getragen” was mich ungemein tröstet. Auf dem Friedhof, bin ich dann ganz ruhig. Höre wie der Pater in seiner Grabrede wieder nicht die Gattin ( … ), die Frau des Verstorbenen  ( … ) erwähnt und frage mich warum?

Beim Kaffee und Kuchen, erzählt mir dann eine Schwiegertochter des Verstorbenen, dass nicht nur ich so heftig in der Kirche geweint habe, sondern auch eine der Töchter des Verstorbenen. Dabei fordert sie mich auf, diese Angelegenheit näher zu betrachten, aber im Moment scheint mir das alles ein wenig zu unheimlich, deshalb enthalte ich mich einfach einer Antwort”!

Bauchgeräusche

Sonntag, 25. April 2010
“Freitagmorgen, den 7.03.2008. “

Nun sitze ich wieder an Ihrem Bett und lausche ihren Bauchgeräuschen, die sich anhören, als würde ein kleines Kind schreien. So als hätte mein Bauch Mitleid mit dem Ihren, lässt er auch einige Laute von sich hören. Völlig übermüdet bin ich heute morgen um 1:00 Uhr dann in’s Bett gefallen, nach der großen Abschiedszene mit der sich ihre Enkelin ( … ) und ihr Freund
( … ) von der Oma verabschiedet haben. Sie wollten nach Frankreich in den Skiurlaub fahren. Die Mama wollte nicht, dass sie geht und der ( … ) ist es schwergefallen sie loszulassen, wo schon die ersten Anzeichen da waren, dass sie sich evtl. nicht mehr lebend wiedersehen werden. Aber schließlich sind wir zu der gemeinsamen Überzeugung gekommen, dass wenn es so sein sollte, die ( … ) sie nach dem Urlaub wieder sieht.

behutsamer Ausstieg

Montag, 22. März 2010

In einer Welt voll Liebe wollte dieser Mensch nun leben

doch scheint es die für ihn nicht zu geben

niemals geht man so ganz

hat er seine Energie doch nicht verschwendet

für ein jähes Ende

Erst wenn alle Ziele sind erreicht

ist ein behutsamer Ausstieg angezeigt

vorher sollten sich nun alle bekennen

und die Schwierigkeiten beim Namen nennen

Dafür braucht es Zeit

sicherlich nicht bis in alle Ewigkeit

der eine will gehen lieber, heut als morgen

weil er sich gar nicht fühlt geborgen

Sind es im Normalfall wenige Stunden

macht ein anderer mehrere Runden

die panische Angst ihn deshalb ereilet

von Panikattaken begleitet

Dieser Mensch muss nun auch noch alleine stehn

weil keiner begreift dass Abschied nehmen tut so weh

vor lauter Schmerz er nun betet

dass dieser bald vorübergehet

Glaube, Hoffnung, Liebe

Mittwoch, 17. Februar 2010

Ich will nicht, dass ihr weint

Sonntagmorgen, 16.03.2008.

Seit gestern brennt eine Kerze an Mutters Bett. So kann sie mich genau sehen, wenn wir gerade einmal wach sind und nicht schlafen können. Dabei höre ich ihre rüpselnden Geräusche, ab und zu ein leises Schnarchen, sehe ihre fuchtelnden Arme und begreife, gedanklich die Worte, die sie mir sagen will:  “Marlies schreib auf, was die letzten Tage passiert ist”! Aber weil ich so müde bin, schlafe ich wieder ein. Beim zweiten Aufwachen, höre ich wieder ihre Gedanken: “Marlies steh auf und schreibe“! 6:00 Uhr morgens ist es inzwischen geworden. Der Regen prasselt auf das Dachfenster vom Badezimmer. Zeit einen Kaffee, für mich und den ( … ) zu machen. Bevor ich mich aber dann an ihr Bett setze, muss ich erst ihren Arm aus der Schlinge von der Nasensonde herausholen. Weiß Gott, wie sie das wieder geschafft hat. Mal träumt sie, was ich an ihrem Lächeln sehen kann, dann öffnet sie für kurze Zeit ihre Augen und schaut mich wissend an. Mir fällt nichts anderes ein, als liebevoll ihre kalte Nasenspitze zu streicheln, so dass sie merkt , dass ich da bin und da bleibe. Das ist doch das, was ich ihr versprochen habe, dass sie in ihren letzten Stunden nicht alleine sein wird. Und das geht jetzt schon mehere Wochen so, seitdem ich die Verantwortung übernommen habe. Dennoch werde ich von ihrer Aggressivität nicht verschont, wo sie mir alles abverlangt, wo sie mir zeigt, dass ich an allem Schuld bin, was mir sehr weh tut. Betend schaffe ich es dann immer wieder, ihre Negativität in Liebe umzuwandeln.

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10.03.2008

Mittwoch, 3. Februar 2010

“An dem frichbezogenen Bett meiner Mutter sitzend,  nachdem ich sie gewaschen und mir ihr gebetet habe, betrachte ich sie eine Weile. Alle Traurigkeit ist aus ihrem Gesicht verschwunden. Ich frage sie, ob es daran liegt, dass ich auch für sie, gerade Tränen der Erleichterung geweint habe? Lächelnd schaut sie mich nun mit ihren klaren Augen an. Diese waren heute Morgen trüb, so dass man das Schlimmste befürchten musste. Am liebsten möchte ich sie jetzt fragen:  “Mama wer ist jetzt bei dir? Und auf einmal weiß ich, wer mir da entgegen schaut. Es ist meine Oma, die Mutter meiner Mutter. Und wie damals, stellt sie mir die gleiche Frage:  ” Marlies hast du denn auch unser Haus abgeschlossen und den Schlüssel mitgenommen? Und ich antworte ihr:  “Ja Oma du kannst jetzt beruhigt sein, ich habe ihn bei mir”!